Blog

Foto, 1920er Jahre. In warmem Sepia blickt eine junge Frau mit ruhiger Entschlossenheit in die Kamera.

Projekt-Tagebuch:

Santa Delfina, Band I und II -
Die Reise zu meinen Ahninnen

Ein literarisches Logbuch von Noa Moreira

Begegnung

19. Mai 2022

Fast drei Jahrzehnte lag die Idee, die Brasilien-Geschichte meiner Familie zu erzählen, in mir.


Die Faszination dieser Familiengeschichte reicht jedoch noch viel weiter zurück. Schon als Kind lauschte ich staunend den Erzählungen meiner Mutter, meiner Tanten und meiner Großmutter. Vieles war einfach spannend – wie ein Kinofilm vor meinen Augen. Das Fremde in der Ferne und in der Vergangenheit erschien exotisch. Das Drama bewegte mich.


Die Idee, aus der jüngeren brasilianischen Ahnenreihe mütterlicherseits ein Buch oder besser noch einen Film zu machen, war früh da. Der erste ernsthafte Anlauf dann vor drei Jahrzehnten: Recherche, Plot, das Material – ich krempelte die Ärmel hoch ... bis das Leben doch anderes verlangte und alles wieder in der Versenkung verschwand.


Und dann, an einem unscheinbaren Tag im Mai 2022, kam es zu einer völlig unerwarteten Begegnung – mit einer Großkusine väterlicherseits, die ich bislang gar nicht gekannt hatte. Sie ist eine erfahrene Ahnenforscherin und breitete vor mir die ausgiebig recherchierte väterliche Linie aus. Mit dieser Seite der Familie hatte ich mich zuvor nie beschäftigt.


Es war, als hätte jemand eine alte Truhe geöffnet. Der Staub tanzte in der Luft. Das Rufen und Drängen der Vorangegangenen war nun zum regelrechten Getöse geworden. Zwischen den Jahreszahlen drängten sie ans Licht und forderten Gehör.

Plötzlich lag ein ebenso faszinierendes Netz von Geschichte aus drei Jahrhunderten und zahllosen Leben vor mir.

Entschluss: Tag 1

2. Juni 2022

Aus zwei Tagen des Nachdenkens wurden zwei Wochen voll inneren Drängens.


Die Stimmen der Vergangenheit hatten mich gepackt, wie Hände, die aus alten Fotos hervorgreifen.


Ich erinnerte mich daran, dass mein Vetter die erste brasilianische Ahnenforschung der Tanten inzwischen ausgiebig vertieft hatte. Es drängte sich mir förmlich auf, alle Linien – mütterlicher- und väterlicherseits – in einem Stammbaum zusammenzuführen.


Ich stolperte über Zahlen. Aus Zahlen wurden Fragen. Und hinter den Fragen zeigten sich Schicksale.

Statt Antworten bekam ich einen Auftrag: „Hier sind wir. Jetzt ist es an dir, unsere Geschichten endlich zu erzählen.“



Es gab keine Ausreden mehr, keinen passenden oder unpassenden Moment. Nur den klaren Satz, der sich in mein Inneres brannte: Ich muss diese Geschichte erzählen. Jetzt.

Das große Panorama

5. August 2022

Mit jedem Dokument, das ich in die Hände bekomme, wächst das Bild – und gleichzeitig wird es komplexer. Aus einer Familienchronik formt sich langsam ein vielschichtiges Gewebe: Kolonialgeschichte, brasilianische Historie, deutsche Politik, Alltagsleben vergangener Jahrhunderte. Es ist, als stünde ich vor einer riesigen Leinwand, auf der bisher nur Skizzen zu sehen waren – und nun beginnt die Farbe, sich ihren Weg zu suchen.



Aus einer Familienchronik wird ein Mosaik.

Materialflut

15. Oktober 2022

Was war damals los gewesen? Was hat sie dazu getrieben? Was hat sie gehalten? Ich folge den Spuren und lese mich ein: Bücher, Links, Dateien aus Online-Datenbanken, Reiseberichte aus früherer Zeit, wissenschaftliche Abhandlungen über die Kolonialherrschaft, Sklaverei, brasilianische Geschichte. Kaiserreich, Aufstände, Republik – und die Welt dreht sich immer schneller ... Deutsche Geschichte, Hohenlohe, Hungerkrisen des 19. Jahrhunderts, Weltkriege.


Mir schwirrt der Kopf.


Jeder Fund bringt fünf neue Fragen. Das Gewicht des Ganzen drückt auf meine Schultern. Ich atme tief durch. Ein Teil von mir will alles sortieren, der andere weiß: Manche Geschichten muss man zuerst fühlen, bevor man sie ordnet.

Fragen

31. Dezember 2022

An Silvester saß ich mit einer Kusine am Tisch. Gläser klangen, irgendwo lief Musik, und zwischen Lachen und Erinnerungen fiel dieser Satz: „Lass uns das aufschreiben.“ Ich schrieb Listen – endlos scheinende Fragen, deren Antworten bald für immer verschwinden könnten. Die letzten Zeitzeuginnen werden weniger.

Unterwegs

13. März 2023

Ich fahre nach Spöck in die Hohenlohe. Von diesem Familienzweig weiß ich gar nichts. Mein Vater ist lange tot, und da er keine Geschwister hatte, waren seine Familie, seine Eltern, seine Großeltern selten Thema.


Kleine Orte mit stillen Straßen, aber in meinen Gedanken klingen hier die Schritte meiner Vorfahren. Die Häuser, die Felder – sie erzählen nicht laut, aber wer hinhört, erkennt ihre Stimmen im Wind.



Ich sammele Eindrücke wie Kieselsteine, um sie später im Strom der Geschichte glänzen zu lassen.

Abstand

20. Mai 2023

Was für ein Kaleidoskop der Schicksale. Ich ahne Muster, sehe Spuren – doch zuallererst ist da ein Wald voller Eindrücke, in dem ich die Bäume aus den Augen verloren habe...


Jetzt erst mal nach Südkorea. Das war schon geplant – und verschafft gesunden Abstand.

Aus eins mach drei

5. November 2023

Was als Idee für ein einzelnes Buch begann, wächst unaufhaltsam. Jede Recherche zieht neue Fäden, immer mehr Stimmen drängen hervor und verlangen Gehör. Allmählich wird klar: Aus dem Projekt wird eine Reihe – mindestens drei Bände.

Dringlichkeit

20. Januar 2024

Plötzlich wird Zeit zu einem spürbaren Faktor. Ich denke an die letzten beiden Zeitzeuginnen und frage mich: Werden sie die Geschichte noch in Händen halten? Dieser Gedanke treibt mich voran, wie ein stetig pochender Herzschlag.

Zeitreisen

2. September 2024

Heute tauche ich tief in Details ein. Es ist, als würden mich Stoffe, Gerüche und Stimmen vergangener Epochen an die Hand nehmen und mir ihre Welt zeigen. Türen öffnen sich zu Räumen, die längst vergangen sind – und ich darf darin verweilen. Manchmal verliere ich das Jetzt aus dem Blick, vergesse die Teetasse neben mir.


Wie halte ich den Anker im Jetzt, während meine Seele durch Jahrhunderte wandert?

Prolog

8. November 2024

Die Worte wollen nicht warten. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Urväter – Männer, die ihr vertrautes Leben zurückließen, um sich in eine unbekannte, raue Welt aufzumachen. War es Mut? Leichtsinn? Gier? Oder eine Sehnsucht, die alles andere überlagerte?


Der Prolog soll diesen ersten Schritten eine Stimme geben, damit sie bis in die Gegenwart nachhallen.

Rückzug

22. Januar 2025

Mein eigenes Leben tritt immer mehr in den Hintergrund. Gespräche mit Freund*innen verstummen, Einladungen bleiben unbeantwortet. Mein Herz und meine Zeit gehören jetzt den Ahninnen und Ahnen, ihren Geschichten und Stimmen. Für einen Moment existiere ich nur zwischen ihren Worten und meiner Tastatur.

Urlaub

13. April 2025

Der Urlaub schenkt mir ein Zeitfenster, um wieder zu mir selbst zu finden. Ich genieße die Freiheit – und merke doch, wie mir das „Rauschen der Geschichte“ fehlt. Die Stimmen der Vorfahren sind heute still, aber ich weiß: Sie kehren zurück.

Die nächste Generation

28. April 2025

Jedes Mal, wenn ich eine weitere Generation meiner Ahnenreihe betrete, spüre ich zunächst Unsicherheit. Ein vorsichtiges Abtasten – wie Fremde, die noch nicht wissen, ob sie einander trauen können. Doch ein leises Lächeln genügt, und schon bin ich wieder gefangen in ihren Geschichten.

Mehr Stoff als gedacht

29. Mai 2025

Fünfhundert Seiten – und das Ende ist noch nicht erreicht. Aus einem geplanten Band sind zwei geworden, die Brasilien-Erzählung wächst zur Trilogie. Jede Seite ist ein neuer Ruf, jede Figur verlangt nach Raum und ihrer Wahrheit auf dem Papier.



Ich lasse nach und nach los, erkenne: Diese Geschichten gehören den Vorfahren, nicht mir. Und dennoch stelle ich mir die Frage: Was ist das eigentlich? Kein klassischer Historienroman, sondern eine genealogisch inspirierte Familiensaga – ein literarisches Slice-of-Life über das Leben auf der Fazenda Santa Delfina im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Die deutsche Spur

18. Juli 2025

Auch die Hohenlohe-Linie meiner Familie beginnt zu klopfen. Ich sehe schon Szenen, höre auch ihre Stimmen, die bisher ungehört blieben.


Und ich ahne: Es gibt noch mehr Geschichten, die entdeckt und erzählt werden wollen. Doch sie müssen warten – zuerst gilt mein ganzer Fokus den Wellen aus Brasilien.

Abschiede

23. Juli 2025

Die ersten gehen. Ich trauere um Menschen, die für andere nur Namen auf einer Seite wären – für mich aber Stimmen, Gesten, Blicke. Niemand versteht ganz, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen sind. Ich schreibe nicht an Figuren, ich schreibe an Leben.

Schwere Tage

8. August 2025

Wieder ein Abschied, wieder ein Kapitel, das sich schließt, bevor es zu Ende erzählt ist. Manchmal ist das Schweigen danach lauter als jede Erinnerung. Ich bleibe still, um zu hören, was noch gesagt werden will.

Seitenzweig - der nächste Prolog

10. August 2025

Ein neuer Zweig rückt in den Vordergrund: José Martinho und Elias. Ich spüre, dass ich diesen Faden greifen muss, solange Elias noch lebt – zumindest in meinen Gedanken. Es fühlt sich an wie ein plötzlicher Wetterwechsel: Die alten Wege verschwimmen, und eine neue Spur öffnet sich, bevor sie im Nebel verschwindet.



Der Prolog für Band III drängt wie eine Welle ans Ufer. Doch ich bleibe diszipliniert – erst muss ein anderes Werk würdig vollendet werden. Es ist ein Ringen zwischen der Sehnsucht nach dem Neuen und der Verpflichtung, das Alte zu Ende zu führen. Ehrlicherweise merke ich: Ich zögere das Ende von Santa Delfina gerne noch etwas heraus.

Kreise ziehen

14. August 2025

Ich schreibe das letzte Kapitel und merke, wie ich langsamer werde – nicht aus Mangel an Worten, sondern weil ich den Abschied spüre. Wie eine Tänzerin, die die letzten Schritte bewusst auskostet, um den Moment zu verlängern, bevor das Licht verlischt.

Epilog

17. August 2025

Es ist vollbracht. Ich setze den letzten Punkt und lasse Santa Delfina ruhen. Der Abschied schmerzt, doch zugleich spüre ich Erleichterung. Die Fazenda ist erzählt – die Familiengeschichte aber noch lange nicht zu Ende.

Nachklang

20. August 2025

Vielleicht ist dies der wahre Kern jeder Reise: Sie endet nie ganz. Auch jetzt weht der Staub des nächsten Kapitels bereits durch die offene Tür. Die Stimmen der Vorfahren drängen weiter – und ich lausche schon wieder.

Schwarzweiß-Fotografie aus dem frühen 20. Jahrhundert: Drei Personen sitzen auf Holzliegestühlen auf dem Deck eines Schiffes. Links eine Frau mit hellem Kleid und Hut, rechts ein Mann mit dunkler Kleidung und Mütze, in der Mitte ein Kind mit Fernglas vor dem Gesicht. Im Hintergrund sind Reling und Schiffselemente zu erkennen.Die Szene erzählt von Bewegung, von Übergängen und von der stillen Nähe zwischen Generationen auf dem Weg ins Ungewisse.