- Spielerisches am Rande

Experimentelle Lese-Lounge :
Fräulein Berg – eine Drabble-Saga.
(Sie wächst jede Woche um 100 Wörter.)
Ein Drabble ist eine literarische Kurzgeschichte, die aus exakt 100 Wörtern besteht und ursprünglich als Schreibübung gedacht war. Die ganzen Recherchen zur Brasilien-Saga um die Auswanderer von hier nach dort und zurück haben Spuren hinterlassen und beschäftigen mich offenbar noch immer. Sie haben sich klammheimlich in diese Drabble-Schreibübungen hineingeschmuggelt und nehmen sich nun hier ganz selbstbewusst ihren Raum.
Was als eine Challenge auf Instagram begann, bei der ich erst nur zum Spaß mitgemacht habe, entpuppte sich schnell als eine schöne, kreative, schriftstellerische Herausforderung – und als ein wunderbares Ventil, um die immense Menge an Recherchen zur Brasilien-Saga auf eine ganz andere, experimentelle Weise fließen zu lassen: in eine wöchentliche Drabble-Saga über das Fräulein Berg in Hamburg, in der Entstehungszeit der Speicherstadt.
Das Saga wächst Woche für Woche, 100-Worte-weise. Die einzige Bedingung: In jedem Kapitel müssen drei (von einem Instagram-Account zum Drabble-Dienstag) zufällig vorgegebene Worte eingebunden werden.
Wer mag, kann in dieser experimentellen Lese-Lounge Clara Berg bei ihrem riskanten Schachzug gegen die Hamburger Eliten durch das neblige Hamburg der vorletzten Jahrhundertwende begleiten.
1
Kissen. Vollbart. Haselnuss.
Der bittere Nordwind rüttelte an den bleiverglasten Fenstern des Kontors. Clara saß kerzengerade am wuchtigen Eichensekretär, das samtene Kissen im Rücken ignorierte sie mit erhobenem Kinn. Vor ihr schwitzte der Bankier, strich nervös durch seinen Vollbart, dessen teure Pomade speckig glänzte, und stammelte von unbezahlbaren Schulden. Clara schwieg. Ihr Zeigefinger schob langsam eine kleine Haselnuss über die Tischplatte. Die Kugel rollte leise, bis sie an seine Manschette stieß. Mit geübtem Griff öffnete sie die Schublade, holte eine eiserne Briefpresse hervor und zertrümmerte die Schale mit einem einzigen, emotionslosen Schlag. Sie blickte stählern. „So schnell bricht Widerstand, mein Herr. Zahlen Sie.“
2
Schwach. Backstein. Singen.
Der Bankier schluckte schwer. Seine Knie waren schwach, als er hastig ein Schuldanerkenntnis unterzeichnete und den Raum verließ. Clara trat ans Fenster. Draußen lag Hamburgs Speicherstadt im dichten Nebel, eine Festung aus dunklem Backstein, die dem eisigen Wind trotzte. Genau wie sie. Keine Träne durfte zeigen, wie sehr der Verlust ihres Vaters schmerzte. Sie strich über das kühle Glas, blickte auf die Elbe hinab und holte tief Luft. Leise begann Clara ein altes Seemannslied zu singen, dessen Melodie ihr Trost spendete. Ihr Imperium stand am Abgrund, doch diese Stadt würde sie niemals knien sehen. Sie würde kämpfen. Mit jedem Atemzug.
3
Drache. Schwert. Tanzen.
Claras Fingernägel schabten über den Rumpf des Miniaturschiffs. Am Bug wand sich ein geschnitzter Drache. „Wo ist das Schwert, von dem du sprachst, Vater?“, flüsterte sie. Draußen tanzten die Lichter der Barkassen im Elbnebel. Mit einem Fluch riss sie an den Masten. Holz ächzte. Ein Splitter fuhr ihr in die Fingerkuppe, Blut lief über die Eiche. Sie fluchte leise, packte fester zu. Da klickte etwas. Im Bauch des Frachters sprang ein verborgenes Fach auf. Clara zog die Papiere heraus. Siegel. Konten. Namen. Lange blieb sie reglos. Dann hob sie den Blick.
Ihr Vater hatte ihr keine Waffe hinterlassen. Sondern Munition.
4
Tau, Smaragd, Melodie.
Der Geruch von Kollodium, Tabak und nasser Wolle schlug Clara im Treppenhaus entgegen. Thilda kam mit hochgekrempelten Ärmeln aus der Dunkelkammer. Ihr Blick fiel auf die feinen Tautropfen in Claras Haar, dann auf die rote Fingerkuppe an ihrem weißen Handschuh. „Was hast du diesmal zerbrochen?“, fragte sie und streifte den Stoff ab, ehe Clara ausweichen konnte. Der kleine Smaragd an Thildas Finger strich kühl über ihre Haut. Das Knarren der Dielen, das feine Klirren der Glasplatten, Thildas ruhiger Atem – alles wurde zu einer Melodie, bei der Claras Schultern endlich nachgaben. Sorgsam entfernte Thilda den Splitter. Keine von beiden sah auf.
5
Kühlschrank. Erde. Bett.
Clara stand reglos in ihrem Schlafzimmer. Das Kohlefeuer glomm vergeblich; der Raum wirkte wie ein Kühlschrank: geschniegelt, leblos. Als sie den Rock löste, fiel Erde aus dem Saum. Als wäre die Gasse ihr bis hierher gefolgt. Clara strich die Körner mit dem Fuß beiseite. Vielleicht ließen sich so auch ihre Zweifel zerstreuen. Doch selbst im Bett fand sie keine Ruhe. Zu nah der Geruch von Chemikalien, feuchter Wolle und Straße. Zu klar Thildas Stimme. Da begriff Clara, dass der Hafen aufgehört hatte, bloß Aussicht zu sein. Etwas von dort ließ sich nicht so leicht abstreifen wie das zu enge Korsett.
6
Kanalisation. Priester. Gin.
Bei Tagesanbruch nahm Clara den kürzesten Weg durchs Gängeviertel. Der Lagermeister ließ Kaffee und Indigo am Speicherkai festhängen, angeblich wegen fehlender Papiere. In den Unterlagen ihres Vaters stand, wer ihn für jede Verzögerung bezahlte. Heute würde sie ihm nicht die Hand reichen.
Clara atmete unwillkürlich flacher. Der Geruch der Kanalisation quoll aus den Rinnen, schwer und süßlich-faul. Sie wich einem Priester aus, der aus einer Kellerwohnung trat. Ein Mann saß auf einer Kiste, die Ginflasche an seinen Lippen. Der Gin betäubte. Doch Clara verstand. Was in ihren Büchern als Lieferstau notiert war, lag draußen bereits als Verschleiß auf der Straße.
7
Wolke. Fieber. Wimpern.
Am Speicherkai fraß eine Wolke aus Dampf die Ladebäume. Taue tropften, Möwen schrien, Kaffee roch bitter aus aufgerissenen Säcken. Clara hob den Rocksaum über schwarzen Matsch. An der Rampe kauerte ein Junge, Fieber glänzte auf seiner Stirn; Ruß klebte in seinen Wimpern. Hinter den Speicherfenstern lagen ihre Kisten. „Fräulein Berg.“ Ein Mann trat aus dem Nebel, sein Mantel saß zu ordentlich für den Kai. „Sie kennen mich?“ „Nein, aber Ihre Fracht.“ „Dann wissen Sie, wem Sie Zeit stehlen.“ Er lächelte nicht. „Friedrich von Ahlefeldt. Zoll.“ Er nahm ihr die Papiere aus der Hand. „Im Freihafen entscheidet nicht Besitz, sondern Stempel.“
