Extras/ Literarisches Labor 

  • Poesie und Fragmente
Foto, 1920er Jahre. In warmem Sepia blickt eine junge Frau mit ruhiger Entschlossenheit in die Kamera.

Poesie & Fragmente:


Lyrische Spuren und Miniatur-Essays,

die im Schatten des Romanschreibens entstehen.


Oftmals braucht ein Gedanke keine Epik von hunderten Seiten, sondern nur die Wucht eines einzelnen Augenblicks.


In dieser Ecke meines Labors sammle ich die Nebenprodukte meiner literarischen Gymnastikübungen. Es sind sprachliche Fingerübungen und verbale Lockerungen, die am Rande der Romanmanuskripte entstehen. Denn es gilt, für jede Geschichte das passende sprachliche und stimmliche Gespür zu entwickeln – weil jede Geschichte ihre ganz eigene Tonlage fordert.

Wie im Flamenco, wo Rhythmus und Ausdruck mal das Feurige einer Bulería, das Lichtvolle einer Alegría, das Verspielte einer Rumba, das Erdige eines Tientos oder das Archaische einer Siguiriya treffen müssen.


Manches in dieser Textauswahl hat seine ersten Impulse durch kreative Challenges erfahren. Sie sind wie flüchtige Abdrücke im Fleisch der Welt: Schichtungen aus Zeit, Natur und dem rohen Versuch, das Unfassbare in Worte zu meißeln.


Tritt näher und folge den lyrischen Spuren von Noa Moreira – auf einer Seite, die niemals stillsteht. Komm gerne wieder.

Papperlapapp

DADA-PAPPERLAPAPP

– Eine Laut-Performance –

(von Noa Moreira)

[I. INTROITUS: Der mechanische Block]

(Monoton, trocken, maschinell abgehackt)

 

Papp.
Papp.
PAPPERLAPAPP.
Blabla.
Rhabarber-Rhabarber-
ZACK!
Ritsch-
ratsch.
KLONG.
(tiefes Einatmen) ... Seufz.
Der Mund voll Brei, der Geist macht dicht,
Information?
PAPPERLAPAPP! Wir wollen sie nicht.
(lautes, trockenes)
Schluck.

 


[II. AUFBRUCH: Das Alchimisten-Papp]

(Zögerlich, dann rhythmisch anschwellend)

 

Papp...
Papp...
(flüsternd) Aber horch!
Padam...
Padam...
Padam Padam!

 

Es kriecht aus dem Chanson-Morast,
ein Rhythmus, der den Herzschlag fasst.
Dugeun-dugeun ist die Antwort in Hanguk!
Papp wird...
BAP! (밥)

Reis! Existenzielle Nahrung.
Der Rhythmus kocht, die Luft wird heiß.
Kein Sinn, kein Zweck, kein deutsches Muss,
nur Puls, nur Tanz, nur Sinnenfluss.

 


[III. DAS DADAISTISCHE DUELL DER KULTUREN]

(Ekstatisch, antiphonal, beschleunigend)

 

Papp? NEIN: BAP!
Die Natur atmet in Worten:
Sallang-sallang (Die Brise weht)
Boseul-boseul (Der Regen fällt tröpfelnd)
Banjjak-banjjak! (Die Sterne, sie funkeln!)

Kein Wort gelernt, doch alles klar,
die Welt wird laut und wunderbar.

 

(Explosiv, geschrien)
JUK-I DOE-DEUN! — Ob Brei!
BAP-I DOE-DEUN! — oder Reis!
Ob Scheitern oder Gewinn,
wir jagen den Verstand dahin!

 

Krickel-krackel schabt am Samt:
Mallang-mallang (so weich) — alles verdammt!
Salgeum-salgeum (auf leisen Sohlen) schleicht der Sinn davon,
Heodung-jidung (kopflos) stolpert das Phon.



[IV. CODA]

(Immer langsamer, verhallend, mechanischer Puls stirbt aus)

 

Brei geschluckt.
Herz gepumpt.
Die Sprache stirbt, das Universum summt.

 

Padam.
Papp.
Bap.
Papperlapapp.

 

(Plötzliche, absolute Stille)
. . . AUS.

Die etymologische Geschichte von Papperlapapp geht auf das Schmatzen eines Kindes zurück. Aus diesem „papp-papp“-Essgeräusch wurde der Brei („Papp“), der uns auch „pappsatt“ macht.


„Papperlapapp“ ist ein faszinierendes Beispiel für Lautmalerei im Deutschen, denn Deutsch konstruiert die Welt meist rational durch Sprache.

Französisch besingt sie in Vokalen.

Und die koreanische Sprache besitzt sogar über 5.000 Klangbilder. Sie beschreibt die Welt damit nicht aus der Ferne, sie ist die Welt.

Balsam

Der weiche Raum (von Noa Moreira)

Die Kränkung sitzt im Schlüsselbein, ein enger Druck.

Die Gedanken laufen im Kreis, scharfkantig wie Blech,

jeder Satz von vorhin kratzt an der Innenseite der Schläfe.

Der Puls im Ohr ist viel zu laut,

der Verstand läuft die Wände hoch.


Wo der Asphalt unter den Sohlen aufhört:

Ein Schritt über die Linie.

Das Licht wird grün und bricht.


Die dichte, feuchte Kühle unter den Kronen.

Die Luft hat Gewicht, schmeckt nach Moos und kaltem Boden.

Sie legt sich als Film auf die Stirn,

zieht den erhitzten Atem aus den Lungen.


Das endlose, matte Rauschen von Millionen Blättern

schluckt das Echo der Stimmen.

Das Nachgeben der Kiefermuskeln.

Stille, wie eine schwere Decke.

Das Atmen fällt tief in den Bauch.


Kein Drücken. Kein Rütteln.

Nichts reparieren müssen.

Nur das Stehenlassen der Bäume.

Der Verstand legt sich flach wie ein erschöpftes Tier.


Eine Schicht aus Holz.

Sie glänzt nicht.

Aber sie hält, während der Wald den Tag vergisst.

Quanten-Exil

Quanten-Exil –
Die Dehnung des Mikrokosmos

(von Noa Moreira)

Die Zeit ist kein Fluss, sie ist eine zähe Membran.

Es schrumpft die Geografie auf den Grundriss eines Wohnhauses,

während der Verstand die Fluchtlinien neu vermisst.

Doch unter dem Mikroskop der Erschöpfung

öffnet sich das Gewebe.


Empathie ist ein rissiger Schlauch, der Druck verliert –

ich klemme ihn ab. Ekpathie. Ein sauberer, trockener Schnitt.


Manche sehen Trilogien fallen wie automatisiertes Laub.

Dabei ist jeder Satz eine zelluläre Kernspaltung –

Energie, erzeugt durch den extremen Druck der Ohnmacht,

während im Stirnlappen die Seide reißt.


Ich bin das Jenseits der Welt, die Manufaktur im Sperrgebiet.

Während draußen der Alltag verblasste Muster kaut,

glüht es hier drinnen im Exil.

Ein Schaffens-Fieber im Millimeterraum.


Mein Schreiben ist die weiße Geometrie meines Widerstands.

Ungeschönt. Asymmetrisch. Autonom.


Kein Projekt – es ist das Exoskelett.

Es hält die Wirbelsäule gerade, wenn die Pflege sie brechen will.

Jedes Kapitel ist ein amputierter Teil der Ohnmacht,

eingegossen in den Beton der Sprache.

Im Park von Canon

Güte ohne Trost (von Noa Moreira)

Ein feines Netz kriecht um die Schläfe,
ein Seidenfaden fängt das Licht.
Als ob das Denken Seide wärfe
und blind aus seinen Poren bricht.


Das Kinn im Schatten, scharf geschliffen,
der Mund ein schmaler, grauer Strich.
Die Lippen haben längst begriffen:
Die Welt erklärt sich ohne dich.



Kein Zorn, kein Schmerz, kein stolzes Drängen,
ein feines, asymmetrisches Spiel:
Die Falten, die im Auge hängen,
sind Skepsis, die zur Ruhe fiel.


Er lächelt nicht. Er zieht nur Grenzen
mit einem Blick aus kühlem Kalk.
Wo Menschen nach Erleuchtung glänzen,
bleibt er ein ungerührter Schalk.


Doch blickt man lang in diese Züge,
wird die Distanz zur nackten Glut:
Sein Steingesicht entlarvt die Lüge –
und meint es gerade deshalb gut.

Wald

Humus – Tiefenzeit (von Noa Moreira)

I. Gestern

Kein Vogel, kein Schrei, kein Ring im Holz.
Die Luft steht dick, brennt scharf wie Schnaps.
Riesige, ledrige Wedel klatschen im Dauermonsoon,
der Boden ein kochender Brei aus Sporen und Schuppenpanzern.
Unter dem Moos drückt das Gewicht von Jahrmillionen –
die umgestürzten Stämme verrotten nicht,
sie schichten sich meterdick übereinander,
pressen im eigenen Schweigen die Kohle von morgen zusammen.
Zeit ist nur Schlamm.

II. Heute

Ein Forst aus gegerbter Rinde und Draht.
Das Harz rinnt zäh wie flüssiger Bernstein durch die Wunden der Säge.
Wir suchen die Stille, gehen baden im Grün,
während unter den Stiefeln das Heer der Pilze uns misst.
Ein stummes Netz aus hungrigen Fäden,
das das Unterholz umschlingt und genau weiß:
Der Mensch ist nur ein Atemzug,
der kurz das Holz streift.

III. Morgen

Der Beton ist gesprengt, das Eisen gefressen.
Blau schimmert die Rinde der neuen Kronen,
sie saugen das Kupfer alter Stromkabel aus der Tiefe.
Ein Wald aus fleischigen, dunklen Blättern, die Gifte filtern.
Wenn der Wind kommt, raschelt es nicht –
ein Klang wie das Aneinanderreiben von kaltem Blech.
Die Wurzeln umschlingen die Skelette von Wolkenkratzern.
Lautlos heilt der Wald die Wunden der Erde,
versiegelt sie mit neonfarbenem Moos. Zeitlos.

leicht

leicht (von Noa Moreira)


Staub. Schwerkraft. Ja.

Aber dein Atem ist lauter

Das Nichts hat keine Zähne

Ton

Knochen der Erde (von Noa Moreira)

Dieser Ton trug schon den Schritt der Mammuts.

Er trank den Schweiß von Generationen,

die vor uns im Dunkeln tanzten.


Jetzt klebt er an meinen Handgelenken,

trocknet zu einer zweiten Haut.


Ich forme keine Zierde für Regale.

Ich baue eine Höhle für die Stille.


Die Wände bleiben dick,

die Ränder ungerade, gebrochen wie Rinde.

Ein Abdruck meines Lebens im Fleisch der Welt.


Wenn dieses Gefäß bricht,

in hundert oder tausend Jahren –

wird dann noch eine Frau da sein,

die diese Scherbe findet?


Wird sie ihren Daumen in meine Spur legen?

Und spüren: Wir waren hier. Wir haben geformt.


vergänglich

Konfetti im Kopf (von Noa Moreira)


Die Haut aus Wasser und Seife

schert sich nicht um die Regeln.

Sie biegt den Horizont zum Kreis.


Das Licht bricht an zitternder Wand.

Das Nichts, nur hauchdünn umhüllt,

gibt flüchtiger Luft einen Wert,

bevor sie im Ganzen verfliegt.


Zerbrechlich und fast schwerelos.

Verspielt im Jetzt. Frei für den Moment.

Ein runder, frecher Spott,

der fliegt, weil das Danach ihn nicht schert.


Und wenn sie reißt, diese Haut?

Zerfällt sie in feuchten Konfetti-Regen.

Ein buntes, leichtes Verfliegen –

das feiert, dass es war.

Étretat

Das große Kauen (von Noa Moreira)

Jahrbucht um Jahrbucht, weich gepresst,
steht hier das Weiß im fahlen Licht.
Das Meer, das an den Klippen frisst,
hält keine Stunde, die es bricht.


Ein schwerer, grüner Riesenbauch,
der stumm das Licht im Schlund verliert.
Was unten schweigt im tiefen Rauch,
wird oben nur als Gischt gespürt.


Du stehst auf dünnem, grünem Gras,
ein Wimpernschlag im Weltenlauf.
Das Wasser frisst ohn' Unterlass
die Zeit und uns am Ende auf.


Doch blickt man durch das kalte Tor,
wo Tiefe an der Schwerkraft zerrt,
tritt plötzlich das Gefühl hervor:
Dass uns das Nichts erst ganz erklärt.

Lauschen

Das Lauschen –
Eine kulturkritische Bestandsaufnahme
(von Noa Moreira)

I.
Das Fleisch duckt sich tief.
Die Wirbelsäule gekrümmt, die Stirn im Farn,
das Ohr flach an die Erde genäht.
Kein Ich. Nur das Moosbett, das vibriert.
Das Unterholz schlägt Wellen durch das Trommelfell.

II.
Der Körper richtet sich auf.
Die Kälte schneidet das Ich von der Welt,
das Ohr wird zum Dietrich.
Das nasse, kalte Verharren
an der Wand eines fremden Lebens.

III.
Nun sitzt der Mensch, starrt auf Glas.
Das Netz zieht Maschen durch die Nacht.
Kein Gesicht mehr, das horcht,
nur ein Ohr aus Silizium, unsichtbar wach,
das Schwingung misst und Glasfaserklang.

IV.
Die Augen schließen sich, das Ego schweigt.
Das Herz zieht ins Ohr, sinkt tief in die Brust –
eine Schale des Schweigens.
Ich lausche dem Raum zwischen den Zeichen,
wo das Hören endlich nach Hause kommt.

Loslassen

Die Antwort der Erdmutter (von Noa Moreira)

Brich, Holz, brich.

Die Krallen haben ausgedient.

Das Fleisch, das brennt, ist heiliges Feuer,

es schmilzt den Stahl der alten Rüstung weg.

Weine nicht um die Splitter.

Sie waren nie dein Kleid.



Stürz vor.

Falle weich in meinen Schlamm.

Blute die alte Ordnung aus,

tränke das hungrige Ufersediment.

Ich nehme deinen Atem,

um dir den ersten, wilden Schrei zu schenken.


Lass sacken.

Der nasse Sand trägt keine Masken.

Im namenlosen Dunkel unter der Brandung

warten deine Schwestern.

Warten deine Ahnen.

Warten deine Krallen, die jetzt Wurzeln sind.


Steh auf.

Zerschmettert bist du nur für die,

die dich in Ketten wollten.

Barfuß bist du Königin.

Ganz bist du mein.


Glühwürmchen

Zurlauben (von Noa Moreira)

Die ZVS würfelte uns falsch aus.

Wir wollten Asphalt. München, Berlin.

Die großen Kulissen für das neue Leben.

Bekommen hatten wir Trier.

Provinzschleifen und Sandstein.


Aber an diesem Abend stand die Luft am Ufer.

Aus den Boxen dröhnte Westernhagen, „Mit 18“,

von einer Band, die zu jung für den Text war,

aber laut genug für den Moment.

Der Riesling schmeckte nach Sommer und Semesterferien.


Und dann kamen sie. Ohne Vorwarnung.

Hunderte, tausende Lichtpunkte im Gebüsch am Fluss,

kleine, kalte Dioden, die den Uferweg fluteten.

Kein Kitsch, einfach nur biologisches Leuchten,

das alles veränderte.


In dieser Sekunde stoppte das Warten.

München war egal, Berlin weit weg.

Die Glühwürmchen machten Trier flüssig,

machten das Jetzt absolut.

Wir wollten an diesem Abend nirgendwo anders sein.


Heute schalten die Städte den Strom nicht mehr ab.

Wir haben den Lärm, den wir wollten, die Adressen, den Erfolg.

Aber den Hauptgewinn gab es damals an der Mosel.

Zwischen Westernhagen und Glühwürmchen

war die Provinz für eine Nacht das Zentrum der Welt.


Windwende

Windwende (von Noa Moreira)

Der Tag streift den gegerbten Mantel ab.

Als der Wind die Lungen der Wolken bläht

und die Schatten vom Wasser fegt, 

schmeckt die Luft nach Salz und offenem Raum,

das Gestern verraucht wie Gischt auf warmem Stein.


Im Drehen der Strömung,

packt dich die Welt an den Achseln.

Sie hebt dich ins Offene,

während der Atem des Himmels das Blut nach Norden treibt.


Das Herz wurzelt nicht im Schlamm –

es ist Flügel, es ist Segel, es zieht.

Der neue Wind bläst die Schwere aus den Knochen

und wirft dich, ungezähmt und federnleicht,

über den flüssigen Rand des Horizonts.

Wenn Proust heute hier stünde, wie würde er die Szene wohl beschreiben? Vielleicht so:

Am Strand von Cabourg (Von Noa Moreira)


Wenn der späte Nachmittag das Hotel in dieses seltsam goldene, beinahe staubige Licht tauchte, war es, als blicke man nicht auf eine reale Landschaft, sondern in das verblasste Bild einer längst vergangenen Epoche, in der die Badegäste wie schemenhafte Figuren eines Schattentheaters über den Strand glitten; und man begriff, dass die Orte, die wir geliebt haben, nicht in der Geografie existieren, sondern nur in der tiefen Epoche unseres eigenen Herzens, wohin uns kein Zug und kein Schiff mehr zurückzubringen vermag, außer dem plötzlichen, flüchtigen Duft von Salz und Tang im Wind.


Mutig

Kintsugi – Mut zum Scheitern 
(von Noa Moreira)


Stolpern. Sturz.

Suchen im Staub.


Gold auf der Scherbenkante,

eine erhobene Narbe aus Licht.






Chronik der Spuren:

Das lebende, evolutionäre Äquivalent zu Kintsugi: Rundkopfdelfine (Grampus griseus). 

Sie werden dunkelgrau geboren. Im Laufe ihres Lebens hinterlassen die Zähne von Artgenossen und die Schnäbel von Tiefsee-Tintenfischen bleibende Spuren. Ihre Haut heilt nicht in der Originalfarbe, sondern bildet weißes Narbengewebe, das im Sonnenlicht wie flüssiges Gold schimmert.

Je älter das Tier wird, desto dichter wird das Netz aus hellen Linien – bis der gesamte Körper im Alter fast vollständig weiß erscheint. Kein Makel des Scheiterns – sondern ein lebendiges, vollständig vollendetes Kunstwerk des Lebens. Eine Narbe aus Licht.

Respekt

Elementarer Abgleich (Von Noa Moreira)


Ich ziehe dir die Titel ab,

das Tuch, das Make-up, die Zensur.

Ich lege dich ins Röntgenlicht –

da bleibt nur Kalk und Struktur.


Ein Becken, das die Lasten trägt,

ein Knochen unter dem Gewicht.

Ich will dich sehen, wie du bist –

befreit von meiner eitlen Sicht.


Respekt zieht seine Schuhe aus,

bevor er deine Haut betritt.

Er weiß um deine Brüchigkeit

und geht im Takt der Zellen mit.


Ich schenke dir mein Schweigen jetzt,

das dich wie eine Hülle hält.

Damit in deinem tiefen Schatten

die Träne ohne Urteil fällt.


Die Entropie greift nach uns zwei,

wir rosten in demselben Wind.

Wir teilen Thermodynamik, Schmerz –

und dass wir Staub im Ganzen sind.



Katzentatzen

Anatomie der Stille
(von Noa Moreira)


Während die Beute atmet, misst das Gewebe das Leben: 

Das Zittern. Die Wärme. Den Puls.


Unten Wolke, oben Stahl.

Dualismus, der den Boden beherrscht.


Hydraulik aus Fett und Bindegewebe,

die die Schwerkraft frisst und in Schweigen bricht.

Wucht verwandelt sich lautlos in Stille.


Das Skelett unter Spannung, permanent bereit.

Ein Schalldämpfer aus Fleisch und Sehnen.


Fünf Glieder formen den perfekten Bogen.

Kinematik. Geometrie. Reine Traktion.


In Millisekunden verschiebt sich die Last.

Hydraulik und Stoßdämpfer, 

tief im Samt verbaut.


Die Symmetrie der Evolution:

Jeder Schritt der Code der Jahrmillionen.


Perfektion der Epidermis.

Bereit. Immer.







Evolution der Bewegung: Die Samtpfote, ein biologisches Meisterwerk.

Jahrmillionen hat es gebraucht, um Wucht so perfekt in Stille zu verwandeln. Wenn wir eine Katzentatze berühren, berühren wir evolutionäre Perfektion. Aber wer denkt denn dann schon daran...


Was war damals?
Vor über 40 Millionen Jahren traten die Urahnen der Katzen, die Miaciden, noch als plumpe Sohlengänger auf. Jeder Schritt war schwer, jeder Auftritt übertrug die volle Wucht des Körpergewichts ungefiltert auf den Boden. Jagd bedeutete Lärm, Erschütterung und ein permanentes Risiko der Entdeckung.


Was ist heute daraus geworden?
Die Evolution hat die Katze auf die Zehenspitzen gestellt. Aus dem plumpen Fuß wurde ein hochentwickelter Zehengänger-Apparat. Die Glieder streckten sich zu einem kinematischen Bogen, und unter den Knochen formierten sich dicke Ballenkissen aus Fettgewebe und hochelastischen Bindegewebsfasern. Diese Stoßdämpfer registrieren gleichzeitig jede Erschütterung. Die Krallen wurden zudem einziehbar, um kein verräterisches Klappern zu erzeugen.


Das Ergebnis ist pure Physik: Die harte Aufprallenergie (Wucht) wird heute durch die Gewebehydraulik geschluckt und in Schwingungen zerstreut, die für Beutetiere völlig unhörbar sind. Aus Masse wurde pure, lautlose Traktion – verpackt in weichen Samt mit Sensoren.

Je nach Stimmung auch kuscheltauglich.

Energie: Das Leben zockt nicht um Reichtum. Das Leben zockt um Zeit.
Und dein Einsatz ist jeder einzelne Atemzug.


Aufenthaltserlaubnis
(von Noa Moreira)



Der Saal im Neonlicht.

Es glitzert, es verlockt, es ist eine Lüge.

Die Croupiers verteilen keine Geschenke,

sie verwalten nur das Gesetz der großen Zahl.

Das Universum im Frack.


Dein Jeton-Stapel ist die Ordnung.

Es gibt nur eine einzige Art,

die Chips perfekt aufeinanderzustapeln.

Aber es gibt unzählige Wege,

wie sie fallen, splittern und im Raum verkommen.


Es gibt nur einen einzigen Weg zum Jackpot.

Aber unzählige Wege,

wie das Geld am Ende weg ist.

Das Haus braucht keine Fehler, es braucht nur Zeit.

Die Chips diffundieren von selbst über den grünen Filz,

weil das Universum die Statistik liebt.


Dieses Casino ist kein Spielplatz. Es ist die Realität.

Wir zocken nicht um Reichtum.

Wir arbeiten gegen die Gravitation des Nichts.


Jeder Atemzug, jede Zellteilung, jedes Aufstehen am Morgen

ist ein unvernünftiger, maximaler Krafteinsatz,

um die eigene Struktur gegen den Zerfall zu verteidigen.


Die Bank gewinnt immer.

Aber solange wir brennen, zahlen wir den Eintritt.

Die Energie ist kein Gewinn.

Sie ist unsere Aufenthaltserlaubnis im Ungleichgewicht.