Extras/ Literarisches Labor 

  • Poesie und Fragmente
Foto, 1920er Jahre. In warmem Sepia blickt eine junge Frau mit ruhiger Entschlossenheit in die Kamera.

Poesie & Fragmente:


Lyrische Spuren und Miniatur-Essays,

die im Schatten des Romanschreibens entstehen.


Oftmals braucht ein Gedanke keine Epik von hunderten Seiten, sondern nur die Wucht eines einzelnen Augenblicks.


In dieser Ecke meines Labors sammle ich die Nebenprodukte meiner literarischen Gymnastikübungen. Es sind sprachliche Fingerübungen und verbale Lockerungen, die am Rande der Romanmanuskripte entstehen. Denn es gilt, für jede Geschichte das passende sprachliche und stimmliche Gespür zu entwickeln – weil jede Geschichte ihre ganz eigene Tonlage fordert.

Wie im Flamenco, wo Rhythmus und Ausdruck mal das Feurige einer Bulería, das Lichtvolle einer Alegría, das Verspielte einer Rumba, das Erdige eines Tientos oder das Archaische einer Siguiriya treffen müssen.


Manches in dieser Textauswahl hat ihre ersten Impulse durch kreative Instagram-Challenges erfahren. Sie sind wie flüchtige Abdrücke im Fleisch der Welt: Schichtungen aus Zeit, Natur und dem rohen Versuch, das Unfassbare in Worte zu meißeln.


Wenn du magst, tritt näher und folge den lyrischen Spuren von Noa Moreira.

Wald

Humus – Tiefenzeit (von Noa Moreira)

I. Gestern

Kein Vogel, kein Schrei, kein Ring im Holz.
Die Luft steht dick, brennt scharf wie Schnaps.
Riesige, ledrige Wedel klatschen im Dauermonsoon,
der Boden ein kochender Brei aus Sporen und Schuppenpanzern.
Unter dem Moos drückt das Gewicht von Jahrmillionen –
die umgestürzten Stämme verrotten nicht,
sie schichten sich meterdick übereinander,
pressen im eigenen Schweigen die Kohle von morgen zusammen.
Zeit ist nur Schlamm.

II. Heute

Ein Forst aus gegerbter Rinde und Draht.
Das Harz rinnt zäh wie flüssiger Bernstein durch die Wunden der Säge.
Wir suchen die Stille, gehen baden im Grün,
während unter den Stiefeln das Heer der Pilze uns misst.
Ein stummes Netz aus hungrigen Fäden,
das das Unterholz umschlingt und genau weiß:
Der Mensch ist nur ein Atemzug,
der kurz das Holz streift.

III. Morgen

Der Beton ist gesprengt, das Eisen gefressen.
Blau schimmert die Rinde der neuen Kronen,
sie saugen das Kupfer alter Stromkabel aus der Tiefe.
Ein Wald aus fleischigen, dunklen Blättern, die Gifte filtern.
Wenn der Wind kommt, raschelt es nicht –
ein Klang wie das Aneinanderreiben von kaltem Blech.
Die Wurzeln umschlingen die Skelette von Wolkenkratzern.
Lautlos heilt der Wald die Wunden der Erde,
versiegelt sie mit neonfarbenem Moos. Zeitlos.

(Im Park von Canon)

Güte ohne Trost (von Noa Moreira)

Ein feines Netz kriecht um die Schläfe,
ein Seidenfaden fängt das Licht.
Als ob das Denken Seide wärfe
und blind aus seinen Poren bricht.

Das Kinn im Schatten, scharf geschliffen,
der Mund ein schmaler, grauer Strich.
Die Lippen haben längst begriffen:
Die Welt erklärt sich ohne dich.

Kein Zorn, kein Schmerz, kein stolzes Drängen,
ein feines, asymmetrisches Spiel:
Die Falten, die im Auge hängen,
sind Skepsis, die zur Ruhe fiel.

Er lächelt nicht. Er zieht nur Grenzen
mit einem Blick aus kühlem Kalk.
Wo Menschen nach Erleuchtung glänzen,
bleibt er ein ungerührter Schalk.

Doch blickt man lang in diese Züge,
wird die Distanz zur nackten Glut:
Sein Steingesicht entlarvt die Lüge –
und meint es gerade deshalb gut.

Ton

Knochen der Erde (von Noa Moreira)

Dieser Ton trug schon den Schritt der Mammuts.

Er trank den Schweiß von Generationen,

die vor uns im Dunkeln tanzten.


Jetzt klebt er an meinen Handgelenken,

trocknet zu einer zweiten Haut.


Ich forme keine Zierde für Regale.

Ich baue eine Höhle für die Stille.


Die Wände bleiben dick,

die Ränder ungerade, gebrochen wie Rinde.

Ein Abdruck meines Lebens im Fleisch der Welt.


Wenn dieses Gefäß bricht,

in hundert oder tausend Jahren –

wird dann noch eine Frau da sein,

die diese Scherbe findet?


Wird sie ihren Daumen in meine Spur legen?

Und spüren: Wir waren hier. Wir haben geformt.


Balsam

Der weiche Raum (von Noa Moreira)

Die Kränkung sitzt im Schlüsselbein, ein enger Druck.

Die Gedanken laufen im Kreis, scharfkantig wie Blech,

jeder Satz von vorhin kratzt an der Innenseite der Schläfe.

Der Puls im Ohr ist viel zu laut,

der Verstand läuft die Wände hoch.


Wo der Asphalt unter den Sohlen aufhört:

Ein Schritt über die Linie.

Das Licht wird grün und bricht.


Die dichte, feuchte Kühle unter den Kronen.

Die Luft hat Gewicht, schmeckt nach Moos und kaltem Boden.

Sie legt sich als Film auf die Stirn,

zieht den erhitzten Atem aus den Lungen.


Das endlose, matte Rauschen von Millionen Blättern

schluckt das Echo der Stimmen.

Das Nachgeben der Kiefermuskeln.

Stille, wie eine schwere Decke.

Das Atmen fällt tief in den Bauch.


Kein Drücken. Kein Rütteln.

Nichts reparieren müssen.

Nur das Stehenlassen der Bäume.

Der Verstand legt sich flach wie ein erschöpftes Tier.


Eine Schicht aus Holz.

Sie glänzt nicht.

Aber sie hält, während der Wald den Tag vergisst.

(Étretat)

Das große Kauen

Jahrbucht um Jahrbucht, weich gepresst,
steht hier das Weiß im fahlen Licht.
Das Meer, das an den Klippen frisst,
hält keine Stunde, die es bricht.


Ein schwerer, grüner Riesenbauch,
der stumm das Licht im Schlund verliert.
Was unten schweigt im tiefen Rauch,
wird oben nur als Gischt gespürt.


Du stehst auf dünnem, grünem Gras,
ein Wimpernschlag im Weltenlauf.
Das Wasser frisst ohn' Unterlass
die Zeit und uns am Ende auf.


Doch blickt man durch das kalte Tor,
wo Tiefe an der Schwerkraft zerrt,
tritt plötzlich das Gefühl hervor:
Dass uns das Nichts erst ganz erklärt.

Pusteblume

Alle Facetten der Fülle Fühlen

(von Noa Moreira)

Pusteblume.

Altersweisheit par excellence.


Inzwischen ergraut. Die einst nach außen so dominante, satte, gelbe Leuchtkraft ihrer jungen Tage hat sie transformiert und zu sich zurückgeholt. Sie strahlt nun von innen heraus, ihrer selbst in sich sicher.


Ohne Trachten und Streben legt sie sich in den Wind. Gleichmütig. Tausendfach verschenkt sie ihre Erfahrung. Gleichgültig.


In gleicher Gültigkeit geht sie, wie sie gekommen ist.

Mohn

Mohn (von Noa Moreira)

Der Mohn, so zart, aus Seidenwind,
ein stolzes, wildes Rebellenkind.
Er weiß, dass er schon morgen fällt,
doch heute brennt er für die Welt.

Glühwürmchen

Zurlauben (von Noa Moreira)

Die ZVS würfelte uns falsch aus.

Wir wollten Asphalt. München, Berlin.

Die großen Kulissen für das neue Leben.

Bekommen hatten wir Trier.

Provinzschleifen und Sandstein.


Aber an diesem Abend stand die Luft am Ufer.

Aus den Boxen dröhnte Westernhagen, „Mit 18“,

von einer Band, die zu jung für den Text war,

aber laut genug für den Moment.

Der Riesling schmeckte nach Sommer und Semesterferien.


Und dann kamen sie. Ohne Vorwarnung.

Hunderte, tausende Lichtpunkte im Gebüsch am Fluss,

kleine, kalte Dioden, die den Uferweg fluteten.

Kein Kitsch, einfach nur biologisches Leuchten,

das alles veränderte.


In dieser Sekunde stoppte das Warten.

München war egal, Berlin weit weg.

Die Glühwürmchen machten Trier flüssig,

machten das Jetzt absolut.

Wir wollten an diesem Abend nirgendwo anders sein.


Heute schalten die Städte den Strom nicht mehr ab.

Wir haben den Lärm, den wir wollten, die Adressen, den Erfolg.

Aber den Hauptgewinn gab es damals an der Mosel.

Zwischen Westernhagen und Glühwürmchen

war die Provinz für eine Nacht das Zentrum der Welt.


Windwende

Windwende (von Noa Moreira)

Der Tag wirft seinen gegerbten Mantel ab.

Ein helles Zittern läuft durch das Schilf,

als der Wind die Segel der Wolken hisst

und die Schatten vom Wasser fegt.

Die Luft schmeckt nach Salz und offenem Raum,

das Gestern verfliegt wie Gischt auf kaltem Stein. 


Und genau dort, im Drehen der Strömung,

packt dich die Welt an den Achseln.

Schwerelos wie Flaum, frei wie im Flug.

Sie hält dich nicht fest,

sie lässt dich nur gleiten,

während der Atem des Himmels den Kompass dreht.


Das Herz ist kein Anker, der im Schlamm gräbt –

es ist Flügel, es ist Segel, es zieht.

Der neue Wind bläst die Schwere aus den Knochen

und trägt dich, ungezähmt und unendlich leicht,

über den kahlen Rand des Horizonts. 

Fliege.